Unser Leben in Costa Rica – zwischen Pura Vida und den Lektionen des Alltags
Wenn ich heute auf unsere erste Zeit in Costa Rica zurückblicke, kommen viele Erinnerungen hoch. Schöne, lustige, aber auch solche, bei denen mir damals überhaupt nicht zum Lachen zumute war.
Wir kamen mit Vorfreude, mit Hoffnungen und natürlich mit Vorstellungen davon, wie unser neues Leben aussehen würde. Doch wie sich der Alltag in einem anderen Land wirklich anfühlt, erfährt man erst, wenn man dort lebt. Wenn man zum ersten Mal eine Bank betritt, nach dem Weg fragt oder plötzlich medizinische Hilfe braucht.
Costa Rica hat uns vieles leicht gemacht. Einiges mussten wir allerdings auf die harte Tour lernen. Und trotzdem fühlen wir uns heute hier sehr wohl.
Eine Herzlichkeit, die uns das Ankommen leicht gemacht hat
Was mich hier von Anfang an berührt hat, sind die Menschen. Diese Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft habe ich selten so erlebt.
Die Costa Ricaner, liebevoll Ticos genannt, begegnen uns mit einer Wärme, die gerade in der ersten Zeit unglaublich viel bedeutet hat. Wenn alles neu ist und man die Sprache noch nicht sicher spricht, kann schon ein geduldiges Lächeln eine große Hilfe sein.
Man sucht nach einem Wort, erklärt etwas mit Händen und Füßen, fängt noch einmal von vorne an – und das Gegenüber bleibt freundlich. Man fühlt sich willkommen, auch wenn man gerade offensichtlich keine Ahnung hat, wie etwas funktioniert.
Diese Gastfreundschaft macht das Ankommen leichter. Mit jeder Begegnung verliert das neue Leben ein bisschen von seiner Fremdheit. Man traut sich mehr, fragt nach und merkt irgendwann: Wir finden unseren Platz hier.
Und überall hört man dieses „Pura Vida“. Zur Begrüßung, zum Abschied oder einfach zwischendurch. Mit der Zeit spürt man, wie viel davon im Alltag steckt. Diese Gelassenheit, diese Freude an kleinen Dingen und die Bereitschaft, sich Zeit füreinander zu nehmen.
Für uns war das wunderschön. Manchmal mussten wir allerdings erst lernen, selbst einen Gang herunterzuschalten.
Mein gebrochener Fuß – eine Erfahrung, die wir nicht vergessen werden
So schön unser neues Leben auch war, es gab Situationen, die uns an unsere Grenzen gebracht haben. Das Gesundheitssystem hat uns schon manchmal etwas zur Verzweiflung gebracht.
Die öffentliche Krankenversicherung heißt hier Caja, ausgeschrieben Caja Costarricense de Seguro Social, kurz CCSS. Bei der Caja mussten auch wir uns im Rahmen unserer Aufenthaltsgenehmigung pflichtversichern.
Damit hatten wir zunächst das beruhigende Gefühl, abgesichert zu sein. Bis ich mir den Fuß brach.
Die erste Versorgung funktionierte wunderbar. Ein Krankenwagen kam, ich wurde behandelt und geröntgt. Es wurde festgestellt, was gebrochen war. Dafür war ich sehr dankbar, denn mit Schmerzen und der Ungewissheit, was passiert ist, möchte man vor allem eines: Hilfe bekommen.
Doch danach erfuhren wir, wie es in meinem Fall weitergehen sollte. Ich sollte im Krankenhaus bleiben und dort auf die Operation warten. Uns wurde eine mögliche Wartezeit von drei bis vier Wochen genannt.
Drei bis vier Wochen im Krankenhaus, bis zur Operation. Das mussten wir erst einmal begreifen.
Wenn man mit einem gebrochenen Fuß daliegt, Schmerzen hat und sich Sorgen macht, klingt eine solche Zeitspanne endlos. Wir standen plötzlich vor einer Entscheidung, auf die uns niemand vorbereitet hatte.
Wir entschieden uns für die Privatklinik.
Dort wurde ich behandelt, aber die Kosten mussten wir selbst bezahlen. Und dabei ging es um rund 10.000 US-Dollar. Das war ein ordentlicher Schreck. Zu den Sorgen um meinen Fuß kam nun auch noch eine finanzielle Belastung, mit der wir überhaupt nicht gerechnet hatten.
Das war unsere erste große Lektion: Die Versicherung bei der Caja bedeutete für uns eben nicht, dass es schnell zur OP kommt im Gegenteil.
Erst danach haben wir eine zusätzliche Unfallversicherung abgeschlossen.
Heute sind wir froh darüber. Aber damals haben wir uns schon gefragt: Woher soll man das alles vorher wissen?
Man bereitet sich vor, liest, fragt und versucht, möglichst viel zu bedenken. Und trotzdem gibt es Dinge, deren Bedeutung man erst versteht, wenn man selbst betroffen ist.
Diese Erfahrung gehört zu unserem Leben hier dazu. Sie war schmerzhaft, teuer und nervenaufreibend. Deshalb erzähle ich sie auch so offen. Zwischen all den schönen Bildern eines neuen Lebens gibt es eben manchmal Momente, in denen man ziemlich ratlos dasteht.
Ein Bankbesuch mit eingebauter Reise nach Jerusalem
Zum Glück gab es auch Überraschungen, über die wir herzlich lachen konnten. Ein Bankbesuch gehört eindeutig dazu.
Wer hier etwas bei der Bank erledigen möchte, sollte Zeit mitbringen. Bei unseren Besuchen dauerte es meist eine Stunde, manchmal auch zwei.
Schon der Eingang war für uns ungewohnt. Zuerst ging es durch zwei Glastüren. Dann kontrollierte ein Sicherheitsmitarbeiter die Handtasche auf Waffen und fragte, was wir in der Bank erledigen wollten.
Anschließend wurden wir zu den wartenden Kunden geschickt. Dort standen drei Reihen mit Stühlen. Vorne waren meistens zwei Schalter geöffnet, manchmal auch drei.
Und dann begann die Reise nach Jerusalem.
Sobald ein Kunde am Schalter fertig war, standen alle in der Warteschlange auf und rückten einen Stuhl weiter. Aufstehen, weiterrücken, hinsetzen. Beim nächsten Kunden wieder dasselbe.
Ich fand das ziemlich lustig. Man saß da und arbeitete sich Stuhl für Stuhl seinem Bankgeschäft entgegen. Irgendwann war man dann tatsächlich vorne angekommen.
Was mich aber fast noch mehr beeindruckte, war die Geduld der Menschen. Niemand meckerte. Niemand regte sich darüber auf, dass es so lange dauerte. Alle machten ruhig mit.
Ich saß mittendrin, beobachtete diese kleine Wanderung durch die Stuhlreihen und musste schmunzeln. So kann eine Warteschlange also auch funktionieren.
Heute wissen wir: Ein Bankbesuch bekommt seinen eigenen Platz im Tagesplan. Mal eben schnell dazwischen – das klappt nicht immer.
Wenn eine freundliche Wegbeschreibung zum Umweg wird
Auch beim Fragen nach dem Weg hatten wir unsere kleinen Lernerlebnisse.
Zweimal wurden wir freundlich und mit großer Überzeugung in eine Richtung geschickt, die uns leider nicht ans Ziel brachte.
Beim ersten Mal dachten wir noch, wir hätten vielleicht etwas falsch verstanden. Mit unseren damaligen Spanischkenntnissen wäre das durchaus möglich gewesen.
Beim zweiten Mal hatten wir es dann kapiert: Auch eine sehr überzeugende Wegbeschreibung sollte man manchmal noch einmal überprüfen.
Wir hatten den Eindruck, dass die Menschen uns lieber irgendeine Richtung nennen wollten, als zuzugeben, dass sie den Weg selbst nicht genau kannten. Sie wollten helfen – nur kamen wir dadurch leider woanders an.
Natürlich gilt das nicht für jeden Tico. Aber diese beiden Erlebnisse gehören inzwischen zu den Geschichten, über die wir lachen können.
Damals fuhren wir erst einmal unseren Umweg. Heute fragen wir im Zweifel lieber noch ein zweites Mal nach.
Wir mussten unsere Erwartungen mit auspacken
Beim Auswandern nimmt man mehr mit als Koffer und persönliche Dinge. Man bringt auch seine Gewohnheiten mit. Seine Vorstellungen davon, wie schnell etwas gehen sollte und wie bestimmte Abläufe funktionieren.
Das merkt man oft erst, wenn es anders kommt.
Wir mussten lernen, mehr Zeit einzuplanen, genauer nachzufragen und manches gelassener zu nehmen. Nicht jeder Tag lässt sich hier so durchorganisieren, wie man es vielleicht gewohnt ist.
Natürlich gelingt uns diese Gelassenheit nicht immer. Wenn es um die Gesundheit geht oder etwas Wichtiges nicht vorankommt, kann das auch heute noch anstrengend sein.
Aber im Alltag haben wir dazugelernt. Wir können inzwischen über vieles schmunzeln, was uns anfangs irritiert hat. Und wir merken, wie gut es tut, wenn nicht jede Minute verplant sein muss.
Dazwischen liegt all das, was wir an Costa Rica lieben: die wunderschöne Natur, die Herzlichkeit der Menschen und die vielen kleinen Begegnungen, die einen ganz gewöhnlichen Tag besonders machen.
Nach den Anfangsschwierigkeiten fühlen wir uns heute sehr wohl
Unser Start war nicht in jeder Hinsicht einfach. Der gebrochene Fuß, die Rechnung der Privatklinik und die Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem haben uns einiges abverlangt.
Auch die langen Bankbesuche und die ungewohnten Abläufe mussten wir erst kennenlernen. Es gab Tage, an denen wir erschöpft waren und uns gewünscht hätten, wenigstens eine Sache würde gerade ganz unkompliziert funktionieren.
Doch wenn ich heute auf diese Zeit zurückblicke, denke ich vor allem an die Menschen, die uns freundlich begegnet sind. An ihre Hilfsbereitschaft und daran, wie leicht sie es uns gemacht haben, uns willkommen zu fühlen.
Costa Rica ist für uns inzwischen Alltag geworden. Wir kennen mehr von seinen schönen und seinen schwierigen Seiten. Wir haben dazugelernt, unsere Absicherung verbessert und unseren eigenen Rhythmus gefunden.
Heute fühlen wir uns hier sehr wohl.
Wenn wir auf die Landschaft schauen, die Geräusche der Natur hören und der Tag langsam zur Ruhe kommt, spüre ich immer wieder diese Dankbarkeit. Dafür, dass wir den Schritt gewagt haben. Dafür, dass wir hier leben dürfen. Und dafür, dass aus einem fremden Land unser Zuhause geworden ist.
Pura Vida – mit allem, was dazugehört. 🌿
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